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Das kleine Weihnachtspony Nick

Eine Weihnachtsgeschichte aus Westfalen

Das hatte ihr auch noch gefehlt: Dicke Schneeflocken fielen vom Himmel und platschten auf die Windschutzscheibe. Corinna Schmidt seufzte und schaltete die Scheiben- wischer ein. Sie sollte langsamer fahren auf dieser schmalen Straße. Aber Corinna hatte es eilig. Ausgerechnet heute, am Heiligen Abend, musste sie ihre Tochter Maja vom Reitverein abholen. Als ob sie nicht genug anderes zu tun hätte. Eigentlich hätte ihr Mann fahren sol- len. Aber Jan hatte sich mit der fadenscheinigen Entschuldigung, er habe noch eine Zoom- Konferenz mit einem Kollegen, in sein Homeoffice zurückgezogen.

Ha, dass ich nicht lache, dachte Corinna und trat aufs Gaspedal. Zoom-Konferenz, aus- gerechnet am Nachmittag von Heiligabend. Das konnte er seiner Großmutter erzählen. Garantiert hatte Jan es sich auf dem Sofa gemütlich gemacht, keine dreißig Sekunden, nachdem sie die Wohnung verlassen hatte. Das Auto geriet auf der kurvigen Straße ins Schlingern und Corinna ging vom Gas. Und wieso musste Maja auch ausgerechnet heute noch in den Stall? Sie hätte ihr bei den letzten Weihnachtsvorbereitungen helfen können. Baum schmücken, Tischdecken, Staubsaugen – all die Dinge, die sie früher auch zu Hause erledigen musste. Aber wenn es um Pferde ging, schaltete Maja regelmäßig auf stur. Für sie schien es nichts Wichtigeres auf der Welt zu geben, als diese Tiere mit den vielen Haaren.

Erst heute Morgen beim Frühstück hatten sie sich wieder darüber gestritten. Majas letzte Mathearbeit war total in die Hose gegangen und Corinna konnte sich schon denken, war- um. Ihre Zwölfjährige verbrachte einfach viel zu viel Zeit im Stall. Und wer wusste schon, wo sie sich noch herumtrieb, wenn Jan und sie auf der Arbeit waren? Corinna konnte sich zwar nicht vorstellen, dass Maja wirklich schlimme Dummheiten anstellte, aber wo blieb sie eigentlich mit ihrem ganzen Taschengeld? Als sie ihre Tochter genau das am Morgen gefragt hatte, war Maja vom Frühstückstisch aufgestanden, hatte ihre Mutter fassungslos angeblickt und das Haus verlassen. Die Tür war hinter ihr zugeschlagen, dass es nur so gescheppert hatte. Dass sie mit dem Bus zum Reitverein gefahren war, hatte Corinna erst später durch einen knappen WhatsApp-Chat mit ihr erfahren.

Im Radio erklang das berühmte Weihnachtslied ‚Stille Nacht, heilige Nacht‘. Eine Frau mit glockenheller Stimme sang „alles schläft, einsam wacht“. Corinna wechselte den Sender. Ihr war alles andere als weihnachtlich zumute. Ihre Gedanken kreisten um das letzte Gespräch mit ihrem Chef, den Streit mit Maja und darum, ob sie alles fürs Festessen eingekauft hatte. Wenn Weihnachten doch bloß schon vorüber wäre ...

Das kleine Weihnachtspony Nick

Obwohl es erst später Nachmittag war, warfen die Bäume schon dunkle Schatten auf die Straße. Heute würde die Nacht früh hereinbrechen. Es schneite nun immer stärker. Da kam der Stall in Sicht. Hoffentlich war Maja wenigstens fertig, so dass sie gleich wieder abfahren könnten. Die große Deelentür stand halb offen und ein gelbliches Licht fiel auf den Hof. Niemand war zu sehen. Corinna parkte das Auto neben einem Pferdeanhänger und stieg aus.

„Was zum ...“ Sie spürte, wie sich ihre sündhaft teuren Wildlederstiefelletten mit Wasser vollsogen und schaute nach unten. Na prima. Sie war genau in eine Mischung aus frischem Schnee und Pferdeäpfel getreten. Leise schimpfend schlug sie die Autotür zu und ging zum Stall. Da hörte sie hinter sich ein Geräusch. Gedämpfte Schritte auf dem Kopfsteinpflaster. Jemand folgte ihr. Sie sah sich um und konnte im dichten Schneegestöber zuerst nieman- den erkennen.

„Hallo? Ist da jemand?“ Hinter ihr lag der Wald. Wer sollte da bei diesem Wetter noch unterwegs sein? Ein wenig unheimlich war es schon. Sie zuckte mit den Schultern und wollte gerade ihren Weg fortsetzen, als sich ein Pferd aus der Dunkelheit schälte. Ein sehr kleines Pferd. Das Pony war schneeweiß und verschmolz fast mit dem Schnee im Hinter- grund. Es kam geradewegs auf sie zumarschiert und trug ein rotes Halfter, oder wie das hieß. Das Ding sah nagelneu aus und glänzte ein wenig. Irgendein Witzbold hat auch noch eine Nikolausmütze daran befestigt, die nun bei jedem Schritt des Ponys vor und zurück wackelte.

„Nanu, wer bist du denn?“, fragte Corinna, als der Schimmel vor ihr Halt machte und seine kleine Nase zielgerichtet in der Tasche ihres beigefarbenen Kaschmirmantels vergrub. Corinna zuckte zurück. „He, was machst du da? Da gibt es nichts für dich.“ In ihren Man- teltaschen befanden sich nur der Autoschlüssel, ihr Handy und ein Lippenstift. Das dachte sie jedenfalls. Der kleine Schimmel hatte es jedoch auf etwas anderes abgesehen. Eine Rolle Pfefferminzbonbons.

Die hatte sie ganz vergessen. Corinna betrachtete abwechselnd die Bonbons in ihrer Hand und das Pony. „Darfst du die fressen?“ Wahrscheinlich würde Maja sich die Haare raufen und ihr einen Vortrag darüber halten, dass Pferde nur vegan zubereitete Kräuterleckerlis be- kommen dürften. Sei’s drum. Corinna hielt dem Pony drei Bonbons auf der flachen Hand hin und spürte, wie seine raue warme Zunge sie auf einen Schlag wegschleckte. „Das bleibt aber unser Geheimnis, okay?“

Der Schimmel blickte sie mit großen, dunklen Augen an, als ob das doch unmöglich schon alles gewesen sein konnte. Die Schneeflocken blieben auf seinem dichten Winterfell lie- gen, ohne zu schmelzen. Er schien sich hier draußen rundum wohl zu fühlen und nicht zu frieren. Corinnas Füße dagegen verwandelten sich langsam in Eisklumpen. Sie wusste nicht, was sie tun sollte. Konnte sie das Pony einfach stehen lassen und in den Stall gehen? Sollte sie um Hilfe rufen? Mit einer schnellen Bewegung griff sie ans Halfter und wollte das Pony mit sich ziehen. Doch das gefiel ihm gar nicht. Mit einem Ruck riss es sich los und ging drei Schritte zurück. „Dann eben nicht, du kleiner Wildling. Ich muss jetzt da rein“, erklärte Corinna dem Schimmel und fragte sich, ob es wohl klug war, sich mit einem Pony zu unterhalten. Sobald sie sich in Richtung Stall in Gang gesetzt hatte, trottete das Weih- nachtspony hinter ihr her.

Als sie gemeinsam durch die große Tür in den Stall schauten, kam ihnen ein Mädchen entgegen. Es ignorierte Corinna und schnappte nach Luft, als es das Pony entdeckte. „Das gibt’s doch wohl nicht“, murmelte es leise und brüllte dann in einem Ton, der jedem Feldwebel zur Ehre gereicht hätte: „Maja! Dein Pony ist schon wieder ausgebüchst!“ In Corinnas Kopf schrillten sämtliche Alarmglocken. ‚DEIN Pony???‘

Eine Tür öffnete sich und gab den Blick in ein gemütliches Reiterstübchen frei, aus dem
es nach Vanilletee und Zimtsternen duftete. Ein dunkler Lockenkopf mit einigen Halmen Heu im Haar kam zum Vorschein.
„Mama? Ich wusste nicht, dass du schon da bist.“ Maja sah nicht besonders glücklich aus, ihre Mutter zu sehen. „Wo hast du Nick denn aufgegabelt?“
„Ach, Nick heißt er also. Wir hatten draußen ein kleines Date.“
Nun schauten auch noch andere Kinder aus dem Zimmer heraus.

Eines lachte. „Nick, dieser Schlingel. Aber das neue Halfter steht ihm richtig gut, Maja.“ Ein blondes Mädchen mit Pferdeschwanz wandte sich an Corinna. „Der Tee ist leider alle. Aber wir haben noch Kakao. Mögen Sie vielleicht eine Tasse?“
Corinna wollte automatisch ablehnen. Sie hatte es schließlich eilig und dann noch so eine Kalorienbombe. Zu ihrer eigenen Überraschung nahm sie das Angebot doch an. Mit einem Becher dampfenden, süßen Kakao in der Hand sah sie sich um. Überall schauten Pferde über ihre Boxentüren hinweg auf die Deele. Einige senkten ihre Köpfe wieder, um Heu zu fressen. Die Atmosphäre im Stall war von einer ganz besonderen Ruhe und Behaglichkeit beseelt. Corinna fiel auf, dass sie in den letzten Minuten kein einziges Mal mehr mit ihrem stressigen Tag gehadert hatte. Sie ließ die Schultern fallen, nahm einen Schluck von der heißen Schokolade und sah zu, wie Maja das Pony in eine Box führte. Über die Schulter hinweg erklärte ihre Tochter ihr, dass Nick der größte Ausbrecherkönig auf Erden sei. „Er kriegt jeden Riegel auf und geht dann auf dem Hof spazieren“, sagte Maja.

„Hey, darf ich mir ein paar von deinen Möhren für mein Pferd nehmen?“, fragte das Mäd- chen mit dem Pferdeschwanz. „Na klar, ist ja Weihnachten“, zwinkerte Maja ihr zu. „Danke. Übrigens echt cool von dir, dass du Nick so tolle Weihnachtsgeschenke gemacht hast: das Halfter mit Strick, den Sack Mash, den Leckstein, die ganzen Möhren. Super Idee!“

Das Mädchen schob ab und Corinna folgte ihrer Tochter in die Pferdebox. Dafür hatte Maja also ihr Taschengeld ausgegeben. Corinna schluckte. Wie hatte sie ihre Tochter nur verdächtigen können, irgendwelchen Blödsinn zu machen?“ Maja sah sie an. „Bist du noch sauer, Mama? Ich wollte eben, dass Nick auch etwas Schönes zu Weihnachten bekommt.“ Corinna Ohren glühten. Wie gut, dass es in der Box so dämmerig war, dass Maja es nicht sehen konnte. „Nein, mein Schatz, natürlich bin ich nicht sauer. Aber eines musst du mir noch erklären. Warum hat deine Freundin eben gesagt, Nick sei dein Pony?“

Maja schaute überrascht auf. „Er ist mein Pflegepony. Aber das habe ich dir doch schon so oft erzählt. Hast du gar nicht zugehört?“
Corinna hielt den Atem an und dachte nach. Hatte Maja es ihr erzählt? Wann hatte sie ihrer Tochter zuletzt wirklich zugehört? Manchmal hatte sie das Gefühl, dass sie beide mehr über WhatsApp kommunizierten, als dass sie miteinander redeten. Aber das würde sich ändern, schwor Corinna sich.

Nick das kleine Weihnachtspony

Maja wartete ihre Antwort gar nicht ab und erzählte weiter. „Nick ist schon älter und geht nicht mehr im Schulbetrieb mit. Aber jemand muss sich doch um ihn kümmern. Für mich ist er das tollste Pony der Welt!“
Die anderen Mädchen hatten das Reiterstübchen aufgeräumt und verließen nach und nach den Stall. „Tschüss, Maja. Tschüss, Frau Schmidt. Fröhliche Weihnachten!“, verabschie- deten sich die Letzten. Dann war es ruhig im Stall. Man hörte nur noch das gleichmäßige Mahlen der Pferde und das Rascheln von Stroh. Maja nahm Nick das neue Halfter ab und gab ihm noch einen Klaps auf die Kruppe.

„Wollen wir los? Langsam bekomme ich Hunger.“ Corinna schloss kurz die Augen und holte noch einmal tief Luft. Wie gut es hier roch. Wie friedlich es war. Stille Nacht, heili- ge Nacht. Hier passte einfach alles. Sie wäre gerne noch ein wenig länger geblieben. Aber sie konnte ja wiederkommen. Das Wichtigste war, dass sie sich wieder mit Maja vertragen hatte. Das alles gut war. Ihre Tochter schaute sie fragend an.

„Ja klar, Papa wird schon auf uns warten“, antwortete Corinna ihr und wuschelte mit der Hand durch Nicks dichte Mähne.

Das Pony versuchte schon wieder, seine Nase in ihre Manteltasche zu schieben.
„Nick!“, ging Maja dazwischen. „Was sucht er denn da bei dir?“

„Ach, gar nichts“, sagte Corinna und zwinkerte dem Pony zu. Gemeinsam verließen sie den Stall, löschten das Licht und gingen Arm in Arm zum Auto. Auf den Feldern glitzerte der Schnee. Am Himmel leuchteten die ersten Sterne. Corinna lächelte und zog ihre Tochter noch einmal kurz an sich. „Dann komm, mein Ponymädchen, lass uns nach Hause fahren. Weihnachten feiern!“

von Susanne Müller |  mit Bildern von Carmen Frobieter 

Die Geschichte zum Nachlesen und Vorlesen

Hier finden Sie eine PDF-Version der Geschichte vom kleinen Weihnachtspony Nick.

Die Geschichte als Hörspiel

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